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Presse
Beruf und Chance Frankfurter Allgemeine Zeitung - 03.06.2006 - Nr. 128 - S. 57
Andrea Sixt hat das Drehbuch ihres Lebens neu geschrieben Die Ingenieurin für Versorgungstechnik hängte ihren ungeliebten Beruf an den Nagel und arbeitet glücklich als Autorin / Von Ursula Kals

Drei Sätze, so sagte ihr eine Bekannte, solle sie mit ja beantworten. Dann könne sie nicht mehr krank werden: Ich liebe, was ich tue. - Ich liebe, wo ich bin. - Und ich liebe, mit wem ich bin. "Es gab Jahre, da hätte ich alle drei Aussagen mit Nein beantworten müssen", sagt Andrea Sixt nachdenklich. Das ist heute anders. Inzwischen lebt und arbeitet sie so, wie sie sich das seit Teenagerzeiten gewünscht hat und wie ihr das offenkundig auch guttut. Sie verbringt den Tag mit Schreiben, sie genießt München und die Ausritte mit ihrem Vollblutaraber "Bagh". Und sie hat einen liebevollen Lebenspartner.

Früher hat die sportliche blonde Bayerin anders gelebt. Unglücklicher. Ihre Berufsbiographie folgt einem verbreiteten Muster: Als tüchtige Tochter sollte sie in die Fußstapfen ihres Vaters, eines erfolgreichen Unternehmers, treten. Ihre eigentliche Leidenschaft gilt dem Schreiben, Deutsch und Kunst sind die Lieblingsfächer der Regensburger Abiturientin. Schon als Elfjährige schreibt sie ein Buch, einen Mädchen-Pferderoman mit grünem Kugelschreiber auf 120 Seiten. "Lesen, Sprache und Reiten, das ist für mich immer das Schönste gewesen. Genau dazu bin ich über einen großen Umweg gekommen." Heute rät die 47 Jahre alte Autorin allen, die sich für eine Ausbildung entscheiden müssen: "Das, was deine größten Interessen sind, das sind die größten Aufgaben." Damals blockt der Vater die in seinen Augen brotlosen Ideen ab und tröstet: Das kannst du als Hobby betreiben, mache das nicht zum Beruf. Er meint es gut mit der Tochter. Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, so kalauert ein Sprichwort nicht grundlos. "Die Firma ist der sichere Weg, und den beschreitet man, das war klar", sagt Andrea Sixt. Um für das Unternehmen für Haustechnik, Planung und Ausführung gerüstet zu sein, studiert sie an der Münchener Fachhochschule Versorgungstechnik. Das Grundstudium ähnelt dem Maschinenbaustudium, später folgen Fächer wie Klima- und Kältetechnik, Wärmeübertragung oder Strömungslehre. Mathe und Chemie fallen ihr leicht, Problemfach ist die Physik.

Ihr Studium prägt eine permanente Unzufriedenheit. "Das schlimme war, es hat mich nicht interessiert. Mich hat vielmehr München gepackt, die Lokale, das Nachtleben. Ich war Anfang Zwanzig, und da war sie, hurra, die Großstadt." Der Vater spürt das Unglück und sagt ihr: Wenn du aufhören möchtest, dann tue es. Sie aber verneint: Was ich anfange, das mache ich auch zu Ende. Heute schüttelt sie den Kopf: "Das war falscher Stolz."

Diszipliniert, wie sie erzogen ist, schließt sie nach fünf Jahren ihre Diplomarbeit mit einer Eins ab. Thema: ein alternatives Heizsystem in einem Mehrfamilienhaus. "Das ist heute so weit weg", sagt sie fast ein wenig staunend. Als frisch diplomierte Ingenieurin stellt sich kein Glücksgefühl ein, "ich hatte nicht den Eindruck, ich habe was Tolles erreicht". Anders der Vater, der der Diplomingenieurin Visitenkarten schenkt. "Ich sah den gedruckten Titel und dachte, das bist du doch gar nicht." Mit 25 Jahren tritt sie in die Münchener Filiale des Unternehmens ein. Zwei Jahre später wird sie Geschäftsführerin. Das erste Jahr findet sie "ganz spannend, denn vieles war neu". Allerdings gönnt sie sich zwischendurch immer wieder organisierte Ausbrüche. Da ist ein Jahr in Südfrankreich, "der Liebe wegen". Sechs Jahre sind sie und ihr französischer Freund zwischen München und Monaco gependelt. Mit 26 Jahren läßt sie sich im Handelsunternehmen seiner Familie anstellen. Die Bindung geht auseinander, sie kehrt zurück nach Bayern. In der Firma des Vaters plant sie wieder Technik, Heizung, Klima und Sanitär "für Reihenhäuser, große Wohnungsbaugesellschaften und Hotels". Die Auftragslage für die zeitweise 70 Mitarbeiter ist gut, Einsätze reichen bis Damaskus. Von der Rohrdimensionierung über die Badeinrichtung bis zur Heizflächenbestimmung plant Andrea Sixt die Technik. "Den Arbeitsalltag habe ich pflichtbewußt wie die Schule absolviert." Gerne ins Büro und auf die Baustellen ist sie nicht gegangen. Schließlich rebelliert der Körper. Sie bekommt Probleme mit Gallensteinen, "mit Verhärtungen und nicht gelebter Energie", erklärt sie. Eine chronische entzündliche Darmerkrankung folgt. "Permanent war irgend etwas. Das hat mich alarmiert. Wenn mich mein Unglücklichsein schon so beeinflußt, dann muß ich etwas ändern." Ein anthroposophisch orientierter Arzt, der auch klassischer Schulmediziner ist, hat später diagnostiziert: Seine Patientin hat erhebliche Probleme, sich abzugrenzen, neigt dazu, es immer erst den anderen recht zu machen, sich dabei zu verzetteln und selbst zu kurz zu kommen. Ein Schuß Egoismus sei gesünder. Durch einen Nachbarn, einen Dokumentarfilmer, erhält sie einen Anstoß, es mit dem Schreiben einfach selber einmal zu versuchen. Der Großvater schenkt ihr einen Laptop. Fortan übt sie Dialogschreiben, entwickelt Handlungsstränge für eine Vorabendserie, recherchiert eine Geschichte über ein Model. Da ist sie 34 Jahre alt. "Die ersten Versuche sind im Sande verlaufen, trotzdem bekam ich ein gutes Feedback." Sie findet den Mut, ihre Ingenieurstelle zu kündigen.

Jetzt gelingt ein fulminanter Einstieg. Mit Sharon von Wietersheim, die sie schon aus Regensburg kennt, schreibt sie das Drehbuch "Workaholic". Wochenlang verziehen sich die beiden zum Schreiben, "von morgens in der Früh bis nachts, nichts anderes war interessanter als das. Da ist so viel Energie reingeflossen." Das ist im November 1994. Schon ein Jahr später beginnt Erstlingsregisseurin von Wietersheim mit den Dreharbeiten für die Komödie. Quasi aus dem Stand heraus einen Kinoerfolg zu landen, das ist mehr als ungewöhnlich. Auch Andrea Sixt weiß, daß zu diesem Erfolg neben solidem Handwerk ("Das sind 90 Prozent") und Fleiß auch eine gewaltige Portion Glück gehört.

Über Drehbuchseminare renommierter Dozenten arbeitet sie sich systematisch in ihren neuen Beruf ein. "Ein Jahr lang habe ich mich durchgewurschtelt. Ich hatte nichts auf die Seite gelegt, und ein fürstliches Gehalt kriegt man vom Vater nicht." Wie fast alle Freiberufler muß sie Durststrecken meistern. Was sie aber ausstrahlt, ist ein entspanntes Vertrauen darauf, daß sich gute Aufträge fügen werden - diese Gelassenheit zahlt sich aus. Allerdings hat sie sich diese entspannte Haltung lange erarbeitet. Denn es gibt einen dramatischen Einschnitt, der sie erneut bestärkt, daß es richtig war, sich von dem ungeliebten Beruf zu verabschieden. Mit 35 Jahren erkrankt sie an Brustkrebs, eine Brust wird amputiert. Heute ist sie gesund. Über diese Zeit hat sie ein bewegendes Buch geschrieben, inzwischen sind 25 000 Exemplare von "Noch einmal lieben" (Goldmann Verlag) verkauft, es gibt eine DVD und ab 30. Juni das Hörbuch. Sie ist gefragter Gast in Talkshows und hat mehrere Romane geschrieben. Zur Zeit arbeitet sie mit Ko-Autor Andreas Bradler an einem Drehbuch für Sat.1.

Die Dinge fügen sich gut. Auf der Frankfurter Buchmesse kommt sie mit einem Autorenkollegen ins Gespräch. Es ist Monty Roberts, der bekannteste Pferdeflüsterer der Welt. Der Amerikaner demonstriert die gewaltfreie Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Andrea Sixt hat die Verfilmungsrechte seiner Biographie. "Das ist mein neues Herzensprojekt."

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ANDREA SIXT
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